Innovationsstandort - In Deutschland fehlt die Technikbegeisterung08.01.2010

von Georg Giersberg

In Deutschland grassiert die Angst, die Angst vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Nur wenn wir besser sind als unsere Mitbewerber, können wir weiterhin hohe Preise am Weltmarkt durchsetzen, heißt es. Politik und Wirtschaft richten daher seit einiger Zeit ihr Augenmerk auf die Erhöhung der deutschen Innovationskraft. Deutschland sei gut in der Grundlagenforschung, wird immer wieder betont. Aber die Umsetzung in vermarktungsfähige Produkte dauere hierzulande zu lange.

Vor allem die Massenproduktion hochtechnischer Konsumprodukte ist in Deutschland schwach ausgebildet. So wurden zwar die technischen Grundlagen für die weltweit erfolgreiche Kopiertechnik wie auch für die MP3-Technik in Deutschland geschaffen. Aber serienfähige und weltweit erfolgreiche Produkte machten daraus Japaner und Amerikaner. Grund dafür ist unter anderem der fehlende Massenmarkt, der die Amortisierung der Forschungskosten in kurzer Zeit garantiert. Gemeint ist damit zweierlei: Größe des Marktes einerseits, aber andererseits auch die Aufnahmebereitschaft für technisch neue Produkte. Beides ist hierzulande nicht gegeben.
Deutschland allein ist angesichts der Märkte in Japan, den Vereinigten Staaten, China oder Indien klein, und dem deutschen Verbraucher fehlt die Technikbegeisterung dieser Länder. Innovationsfähigkeit sei daher vor allem eine Frage der Kultur, an der es hierzulande mangele, beklagt der Präsident des Deutschen Instituts für Normung, der Elektrounternehmer Dietmar Harting.

Geniestreiche made in Germany

Um einen Beitrag zur Entstehung einer solchen Kultur zu leisten, arbeiten unter dem Namen Partner für Innovationen unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung Unternehmen und Wissenschaft gemeinsam daran, die Innovationskraft Deutschlands vor allem im Hinblick auf zukunftsträchtige neue Produkte zu stärken. Partner der Initiative sind BASF und Bertelsmann, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, die Deutsche Telekom und der Energieversorger ENBW, die Fraunhofer-Gesellschaft sowie Lufthansa, IBM, Harting, Siemens, Schering und Thyssen-Krupp.

Erstes sichtbares Zeichen der Innovationsinitiative ist die Broschüre „Deutsche Stars”. Es werden Geniestreiche made in Germany zusammengetragen, die ein Bild deutschen Erfindungsreichtums geben sollen. Die schon kurz nach ihrem Erscheinen vergriffene Zusammenstellung liest sich recht kurzweilig. Dort stehen neben der Kernspaltung das Gummibärchen, neben dem chemischen Periodensystem der Kaffeefilter und neben dem Segelflugzeug der Teebeutel. Vom Airbag über den Dübel, den fluorkohlenwasserstofffreien Kühlschrank, das MP3-Format und den Scanner bis hin zum Telefon und zur Zahnpasta oder Zündkerze reicht das Kaleidoskop deutscher Erfindungen.

Daneben verweist die Schrift auch auf einige Grundlagenforschungsergebnisse, die von Deutschland aus ihren Lauf um die Welt nahmen. Dazu gehören die Röntgentechnik, die Bakteriologie, die Kernspaltung oder die Vakuumtechnik, ohne die es viele berühmte Innovationen wie die Glühbirne, das Elektronenmikroskop oder moderne Verpackungen, in denen sich vor allem Lebensmittel recht lange frisch halten, nicht geben würde.

Ideenreichtum der Investitionsgüterindustrie ausgeblendet

Da die Schrift vor allem dem Verbraucher einen Eindruck vom Innovationsstandort Deutschland geben soll, fehlen Innovationen im Investitionsgüterbereich weitgehend. Damit offenbart die Schrift ungewollt zweierlei: Erstens wird deutlich, daß Deutschlands große Erfindungen im Konsumgüterbereich zumeist recht betagt sind. Zweitens wird auch hier wieder unterschlagen, daß die innovative Kraft deutscher Unternehmen vor allem im Investitionsgüterbereich liegt.

Der gesamte Ideenreichtum des deutschen Maschinenbaus oder der deutschen Elektroindustrie ist ausgeblendet. Hier wurden im Bereich der Hydraulik und Pneumatik weltweit führende Antriebe und Steuerungen entwickelt, wurde die Industriesteckverbindung erarbeitet, die die Installationszeit im elektrischen Bereich um 60 Prozent gesenkt hat. In diesen Bereich gehört zwar auch die 40 Jahre alte deutsche Erfindung des Gabelstaplers, aber auch ganz junge Entwicklungen wie Verfahren im Laserschweißen, in der Nutzung der Mikroelektronik, der Nanotechnologie oder der Informationstechnologie. Der Anteil der Elektronik im Auto wird noch in diesem Jahrzehnt von 22 auf mehr als 30 Prozent steigen, wozu deutsche Zulieferer ihren Beitrag leisten.

Neue hochdotierte Preise

Sehr viele Unternehmen arbeiten dabei eng mit den weltweit immer noch führenden technischen Forschungseinrichtungen hierzulande zusammen, um schneller an verwertbare Forschungsergebnisse zu kommen. Anreize zu noch mehr Innovation sollen neue hochdotierte Preise schaffen. Der Bundespräsident verleiht jährlich den mit 250000 Euro dotierten Deutschen Zukunftspreis. Im vergangenen Jahr wurde damit das Projekt „Labor auf dem Chip - elektrische Biochiptechnologie” ausgezeichnet, entwickelt vom Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie in Itzehoe und von den Unternehmen Siemens und Infineon. Auf dem Chip verankerte Biomoleküle binden zielsicher bestimmte andere Moleküle aus einer Lösung. Damit entsteht ein Sensorsystem für DNA und Proteine.

Im Bereich Sensortechnik arbeitet auch der Preisträger des zweiten wichtigen Preises für Innovationen. Den mit 100000 Euro ausgestatteten Hermes Award der Deutschen Messe AG, Hannover, bekam das Unternehmen IFM Electronic GmbH in Essen für das Abstandsmeßsystem „Efector PMD”, das Abstände über die Echolaufzeit von Licht ermittelt. Der Hermes Award will auf innovative Produkte aufmerksam machen, die bereits Marktreife erreicht haben und deren Marktfähigkeit schon getestet ist. Die bisherige Resonanz auf den Preis zeigt, daß Deutschland allen Grund hat, sich um seine Innovationskraft zu sorgen - bei Konsum- wie bei Investitionsgütern.

Quelle: FAZ